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Rathausplatz Vellmar: Viele Ideen für die Zukunft – und Kritik mit langer Vorgeschichte

Ideenwerkstatt am · Rathausplatz Vellmar

Wie soll der Rathausplatz künftig aussehen und welche Funktion soll er für Vellmars Stadtmitte übernehmen? Gut 50 Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich am Donnerstag, den 27.08.2026, an einer Ideenwerkstatt im und vor dem Rathaus – mehr, als sich zuvor angemeldet hatten. Dabei ging es um weit mehr als neue Bänke oder zusätzliche Pflanzen. Gesucht wurde ein Konzept, das Einkaufen, Wochenmarkt, Veranstaltungen, Begegnung, Klimaanpassung und Barrierefreiheit miteinander verbindet. Ein Blick in die Geschichte zeigt zugleich: Manche der jetzt angesprochenen Probleme beschäftigen Vellmar bereits seit Jahrzehnten.

Begleitet wird der Beteiligungs- und Planungsprozess von der ProjektStadt, der Stadtentwicklungsmarke der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt. Vertreter der ProjektStadt leiteten und moderierten auch die Ideenwerkstatt; Mitarbeitende der Stadtverwaltung betreuten gemeinsam mit ihnen die einzelnen Arbeitsphasen.

Gut 50 Bürger kamen zu der Veranstaltung und brachten zahlreiche Vorschläge ein. Grundlage für das Verfahren ist ein Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom September 2025, den Rathausplatz grundhaft zu sanieren und dabei auch die Öffentlichkeit einzubeziehen.

Bürgermeister Manfred Ludewig bezeichnete den Rathausplatz am Donnerstag als einen Ort mit einer wichtigen Funktion für die Stadt. Es sei „so langsam der Zeitpunkt gekommen“, ihn neu zu gestalten. Die Kritik werde immer lauter – zurecht, muss man sagen.

Luftbildansicht des Rathausplatzes und der angrenzenden Vellmarer Stadtmitte. Quelle: Google Earth. Zum Vergrößern anklicken.

Zuerst ging es um den Platz, wie er heute ist

Die Ideenwerkstatt begann nicht im Sitzungssaal, sondern unmittelbar auf dem Rathausplatz. Die Teilnehmenden versammelten sich vor dem Rathaus im Bereich des alten Brunnens und der kleinen Bühne.

Dort stand zunächst die Bestandsaufnahme im Mittelpunkt: Was funktioniert heute gut – und was stört?

Auf blauen Karten wurden die positiven Seiten gesammelt. Dazu gehörten unter anderem die zentrale Lage und gute Erreichbarkeit, der autofreie Charakter großer Bereiche, der Wochenmarkt, Geschäfte und Dienstleistungen, der Lebensmittelmarkt, medizinische Versorgung, Gastronomie, kostenlose Parkmöglichkeiten, die Nähe zu Ahnepark und Stadtbücherei, kostenloses WLAN und die vorhandene technische Infrastruktur. Auch die Zahl der Mülleimer wurde auf dieser Tafel ausdrücklich positiv bewertet.

Auf den roten Karten sammelten sich dagegen die Probleme. Genannt wurden unter anderem Stolperstellen, Defizite bei der Barrierefreiheit und der Orientierung, ungünstig angeordnete Sitzplätze, fehlender Schatten auf großen Teilen des Platzes, die Toilettensituation, Leerstände sowie fehlende oder zurückgegangene Angebote und Veranstaltungen.

Auch der Radverkehr spielte eine Rolle. Das Nebeneinander von Fußgängern, Fahrrädern und E-Scootern wird von manchen Nutzern als problematisch empfunden. Gesucht werden deshalb Lösungen, die Radverkehr ermöglichen, ohne Fußgänger zu gefährden.

Bestandsaufnahme der Ideenwerkstatt: Auf blauen Karten wurden positive Aspekte, auf roten Karten Kritikpunkte gesammelt. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.
Fototafel mit Luftbild und verschiedenen Ansichten des Rathausplatzes. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.

Vier Themen für die Zukunft

Nach der Bestandsaufnahme wechselte die Gruppe in den ersten Stock des Rathauses. Nach einer kurzen Pause mit Getränken und einem Snack begann der zweite Teil.

Jeder Teilnehmende erhielt vier verschiedenfarbige Karten. Auf ihnen sollte jeweils der wichtigste persönliche Wunsch zu einem der vier Themenbereiche festgehalten werden:

Funktionen und Nutzung, Mobilität und Erreichbarkeit, Klima sowie grüne und blaue Infrastruktur und Gestaltung, Stadtraumqualität und Atmosphäre.

An den vier Stationen konnten die Teilnehmenden ihre Vorschläge zugleich mit Mitarbeitenden der Stadtverwaltung und der ProjektStadt diskutieren.

Anschließend wurden die Ideen noch einmal gewichtet. Mit schwarzen Punkten konnten Vorschläge markiert werden, die den Teilnehmenden besonders wichtig waren; orangefarbene Punkte kennzeichneten Ideen, die sie zusätzlich besonders interessant fanden.

Wochenmarkt erhalten, Aufenthalt attraktiver machen

Beim Thema Nutzung erhielt der Erhalt des Wochenmarktes besonders deutliche Zustimmung.

Gleichzeitig zeigte sich der Wunsch, den Rathausplatz stärker als Aufenthalts- und Begegnungsort zu entwickeln. Menschen sollen dort nicht nur eine einzelne Erledigung machen und anschließend wieder verschwinden, sondern einen Grund haben, noch etwas länger zu bleiben.

Dazu gehören Sitz- und Treffmöglichkeiten, Bereiche ohne Konsumzwang, gastronomische Angebote und Veranstaltungen. Genannt wurden beispielsweise eine Eisdiele sowie kleinere und regelmäßige Feste oder Märkte.

Auch Angebote für Kinder fanden Zustimmung. Dabei ging es weniger um einen großen Spielplatz als um Spielmöglichkeiten, die sich in einen Stadt- und Einkaufsplatz integrieren lassen – etwa dort, wo Begleitpersonen in Sichtweite sitzen oder einkaufen können.

Nicht zuletzt wurde die Bedeutung des Lebensmittelgeschäfts für die Stadtmitte sichtbar: Der Wunsch, einen solchen täglichen Frequenzbringer am Rathausplatz zu erhalten, wurde bei der späteren Punktabfrage auffällig stark bewertet.

Themenstation „Funktionen & Nutzung“ mit den gesammelten und bewerteten Wünschen der Teilnehmenden. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.

Barrierefreiheit umfasst mehr als ein ebenes Pflaster

Bei Mobilität und Erreichbarkeit spielte die Barrierefreiheit eine zentrale Rolle.

Dazu gehört ein sicher begehbarer und möglichst stolperfreier Boden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Barrierefreiheit nicht an der Oberfläche endet. Gewünscht wurden bessere Orientierungsmöglichkeiten, Hinweise zu Geschäften und Einrichtungen sowie verständliche Wegebeziehungen von den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs in das Zentrum hinein.

Auch blinde und sehbehinderte Menschen wurden ausdrücklich angesprochen. Ein taktiles Leitsystem und geeignete Informationsmöglichkeiten könnten deshalb Bestandteil einer zukünftigen Gestaltung werden.

Beim Radverkehr zeigte sich dagegen ein echtes Spannungsfeld. Einige Teilnehmende wünschen eine stärkere Trennung zwischen Fuß- und Radverkehr, andere eine gemeinsame Nutzung mit deutlich reduziertem Tempo. Fahrradbügel sollen sinnvoll an den Randbereichen angeordnet werden, ohne Wochenmarkt, Veranstaltungen und Laufwege einzuschränken.

Als technische Lösung stießen unter anderem absenkbare Poller auf Interesse. Sie könnten notwendige Zufahrten für Markt, Veranstaltungen oder Lieferverkehr ermöglichen, den Platz ansonsten aber von unerwünschtem Fahrzeugverkehr freihalten.

Themenstation „Mobilität & Erreichbarkeit“: Barrierefreiheit, Wege, Radverkehr, Orientierung und Parkmöglichkeiten waren zentrale Punkte. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.

Klima und Gestaltung sollen zusammen gedacht werden

Bei den beiden Themenstationen zu Klima und Gestaltung überschnitten sich viele Wünsche. Deshalb lassen sie sich auch inhaltlich zusammen betrachten.

Der Platz soll im Sommer angenehmer nutzbar werden. Dafür wurden zusätzliche schattenspendende Elemente, Bepflanzung und geeignete Bäume vorgeschlagen. Gleichzeitig darf die Gestaltung die große, für Wochenmarkt und Veranstaltungen benötigte Fläche nicht unbrauchbar machen.

Auch Wasser spielte eine große Rolle: Der vorhandene historische Brunnen, Wasserspiele und öffentlich zugängliches Trinkwasser wurden diskutiert. Besonders ein Wasserspiel für unterschiedliche Altersgruppen stieß bei der Punktbewertung auf großes Interesse.

Weitere Ideen reichten von Regenwasserrückhaltung und Schwammstadt-Prinzipien bis zu Überdachungen und Photovoltaik.

Thema war auch das Rathaus selbst. Seine heute überwiegend graue Fassade könnte begrünt werden – sowohl zur optischen Aufwertung als auch als Beitrag zur Klimaanpassung.

Beim Bodenbelag wurde zugleich die Frage aufgeworfen, ob das vorhandene Pflaster tatsächlich vollständig verschwinden muss. Denkbar wäre auch, charakteristische Teile aufzunehmen und fachgerecht eben neu zu verlegen sowie mit einem barrierefreien Leitsystem zu ergänzen.

Dahinter steht eine grundsätzliche Frage, die an diesem Abend mehrfach angesprochen wurde: Wie modernisiert man einen Platz, ohne seine gesamte Geschichte zu beseitigen?

Station „Klima: Grüne & blaue Infrastruktur“ mit Vorschlägen zu Bäumen, Begrünung, Schatten, Wasser und Schwammstadt. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.
Station „Gestaltung & Stadtraumqualität, Atmosphäre“ mit Ideen zu Begrünung, Materialien, Aufenthaltsqualität und Nutzung. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.

Eine alte Uhr, an die sich viele noch erinnern

In diesem Zusammenhang tauchte auch mehrfach der Wunsch nach einer Uhr am Rathausplatz auf.

Viele Vellmaraner werden sich möglicherweise noch an die ursprüngliche Sonnenuhr erinnern. Sie gehörte bereits zur Gestaltung des Rathausplatzes Ende der 1970er-Jahre und wurde von der Steinmetzwerkstatt Kunze in Vellmar gestaltet und ausgeführt.

Es handelte sich nicht um eine kleine klassische Gartensonnenuhr, sondern um eine auffällige, turmartige Steinskulptur mit dreieckigem Grundriss. Der hohe dreiseitige Uhrkörper trug auf einer Seite eine Sonnenuhr und auf den beiden anderen Seiten jeweils ein rundes analoges Zifferblatt. Auch der obere Abschluss folgte dieser Form und bestand aus einer dreiseitigen Pyramide. Um den unteren Teil der eigentlichen Uhrensäule verlief mit etwas Abstand eine breitere, ebenfalls dreieckig angelegte steinerne Einfassung – eine Art „Schürze“ oder Gürtel. Zwischen ihr und der zentralen Säule blieb ein offener Zwischenraum; beide Teile waren durch Streben miteinander verbunden. Auf dieser unteren Konstruktion war auch die Städtepartnerschaft mit Zell am See festgehalten.

Für viele Vellmarer war die Sonnenuhr weit mehr als ein Zeitmesser. Sie war ein prägendes Gestaltungselement des Rathausplatzes, griff mit ihren Darstellungen die Stadt und ihre Partnerschaften auf und fügte sich gestalterisch in das damalige Ensemble aus Brunnen, Pflanzungen und Platzgestaltung ein. Gleichzeitig wurde sie ganz selbstverständlich Teil des Alltags: Kinder kletterten an den Streben, krochen unter der steinernen Einfassung hindurch, spielten Verstecken und nutzten die Konstruktion als kleinen Abenteuerspielplatz. Gerade diese Mischung aus Gestaltung, Symbolik und tatsächlicher Nutzung machten die Sonnenuhr für viele zu einem besonders markanten Erinnerungsort auf dem Rathausplatz.

Die Sonnenuhr hatte damit nicht nur eine praktische Funktion, sondern auch einen örtlichen Bezug. Noch 1995 berichtete die HNA, sie erinnere an die Städtefreundschaft Vellmars mit dem österreichischen Zell am See.

Später verschwand sie vom Rathausplatz und wurde durch eine moderne Metall-Uhr ersetzt, die heute ebenfalls nicht mehr vorhanden ist. Bei der Ideenwerkstatt ging es nicht darum, die alte Sonnenuhr zwingend originalgetreu wiederherzustellen. Der mehrfach geäußerte Wunsch nach einer Uhr zeigt aber, dass ein markanter Orientierungs- und Wiedererkennungspunkt für den Platz durchaus wieder eine Rolle spielen könnte.

Viele der heutigen Fragen sind erstaunlich alt

Besonders interessant wird die aktuelle Diskussion beim Blick in das HNA-Archiv.

Der Rathausplatz wurde am 27. August 1978 gemeinsam mit dem neuen Rathaus offiziell eingeweiht. Von Anfang an war er nicht nur Verkehrs- und Einkaufsfläche, sondern auch für Veranstaltungen vorgesehen.

Bereits im September 1980 gründeten Geschäftsleute die Aktionsgemeinschaft Rathausmarkt Vellmar. Ihr erklärtes Ziel war ausdrücklich, den Rathausplatz durch Veranstaltungen zu beleben, an seiner attraktiven Gestaltung mitzuwirken und das Zusammenleben im Stadtzentrum zu fördern. Im Mai 1981 folgten der erste Wochenmarkt und das erste Brunnenfest.

1984 wurde der Rathausplatz um einen zweiten, auffälligen Brunnen ergänzt. Damit entwickelte sich die noch junge Stadtmitte zunächst weiter.

Doch schon wenige Jahre später setzte eine Diskussion ein, die erstaunlich modern klingt.

Bereits 1992: „Viel Beton, wenig Grün“

Im Mai 1992 veröffentlichte die HNA einen Bericht über eine Untersuchung, die Geschäftsleute am Rathausplatz bei der damaligen Gesamthochschule Kassel in Auftrag gegeben hatten.

Das Urteil der drei Wissenschaftler fiel „eher negativ“ aus: Das Zentrum wirke veraltet, die Fassaden nackt und dunkel, es gebe zu viel Beton und zu wenig Grün, die Beleuchtung sei schlecht. Außerdem sei der Platz zugig und biete wenig Orientierung.

Die Empfehlungen von damals lesen sich stellenweise wie Beiträge aus der Ideenwerkstatt 2026: mehr Grün mit Sitzgelegenheiten, ein Orientierungssystem, eine Eisdiele, Treffpunktqualität und ein Einkaufserlebnis, bei dem Menschen nicht nur schnell etwas erledigen, sondern sich auch aufhalten und miteinander ins Gespräch kommen.

Das war 34 Jahre vor der jetzigen Ideenwerkstatt.

Auch die Frage nach der Rollenverteilung zwischen Rathausplatz und Ahnepark wurde damals schon diskutiert. Bürgermeister Kurt Stückrath verwies bei der Forderung nach mehr Kulturangeboten auf den Ahnepark und wollte dessen Funktion als Veranstaltungs- und Freizeitraum nicht schwächen.

1995: lebendig am Markttag, leer danach

Drei Jahre später beschrieb die HNA den Rathausplatz beinahe mit zwei Gesichtern: Wenn Wochenmarkt, offene Geschäfte, Außengastronomie und Pflanzen zusammenkamen, entstand zeitweise eine lebendige Atmosphäre.

Nach Geschäftsschluss änderte sich das Bild. Dann dominierte nach der Beschreibung der Zeitung wieder Klinker und Beton – der Platz wurde eher überquert als zum Verweilen genutzt.

2008: Stolperpflaster und kalte Atmosphäre

2008 war eine Modernisierung von Rathaus und Rathausplatz bereits öffentlich im Gespräch.

Im November desselben Jahres fragte die HNA Geschäftsleute und Passanten nach ihren Wünschen. Die Überschrift lautete „Schluss mit Stolpersteinen“.

Gefordert wurden ein ebenerer Bodenbelag, bessere Beleuchtung, mehr Farbe, Pflanzen und Angebote für Kinder. Vor allem ältere Menschen sollten auf dem unebenen Pflaster nicht mehr ins Stolpern geraten. Bürgermeister Dirk Stochla sprach sich damals für eine Umgestaltung aus, bei der der Charakter des Rathausplatzes erhalten bleiben sollte.

In der zugehörigen Passantenbefragung wurde der Platz unter anderem als karg und atmosphärisch kalt beschrieben.

2009 fasste die HNA die Situation mit der Überschrift „Vielfalt an Geschäften, aber keine zeitgemäße Optik“ zusammen. Insbesondere der große Bereich Richtung tegut wirke außerhalb von Markt und Veranstaltungen öde und leer.

Der große Platzbereich zwischen Rathaus und Lebensmittelmarkt, auf dem auch der Wochenmarkt stattfindet. Hier stand früher der zweite Brunnen; heute wird gerade dieser Bereich häufig als kahl und wenig einladend wahrgenommen. Quelle: Google Earth. Zum Vergrößern anklicken.

2011: Ein sehr großer Plan scheitert

2011 wurde die Debatte wesentlich größer. Ein Masterplan sah eine weitreichende Neuordnung der Vellmarer Stadtmitte vor – unter anderem mit Rathaussanierung, neuem Parkdeck sowie Abriss und größerem Neubau der privaten Einkaufspassage.

Das führte zu erheblichen Auseinandersetzungen.

Wichtig bei der historischen Einordnung: Der Bürgerentscheid vom November 2011 war keine Abstimmung darüber, ob der Rathausplatz schöner werden sollte. Abgestimmt wurde über den Beschluss, Rathaussanierung und Parkdeck-Neubau über einen auswärtigen Projektentwickler und ein entsprechendes Finanzierungsmodell abzuwickeln. 4073 Bürger stimmten für die Aufhebung dieses Beschlusses.

Der große Stadtmitte-Masterplan verlor danach zunächst seine Grundlage.

2013: Schon damals „in der Warteschleife“

Im Juli 2013 berichtete die HNA ausdrücklich, die Modernisierung des Rathausplatzes hänge „in der Warteschleife“.

Der damalige Bürgermeister Dirk Stochla hielt zu diesem Zeitpunkt sogar 90 Prozent des vorhandenen Platzes für erhaltenswert. Verbessert werden sollten aber die Aufenthaltsbereiche, die Bepflanzung und die Beleuchtung. Auch eine steile Rampe samt Treppe wurde als Problem für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Rollator genannt.

Von 2017 bis 2020 wurde schließlich das Rathaus selbst umfassend saniert und erhielt seine heutige Fassade. Eine grundlegende Sanierung des Rathausplatzes folgte jedoch nicht.

Der neue Anlauf begann 2025 und führt nun über Beteiligung und Wettbewerb zu einer erneuten Planung.

Auch Brunnen erzählen die Geschichte des Platzes

Der heute noch vorhandene Felsenbrunnen gehörte bereits Anfang der 1980er-Jahre zum Rathausplatz und stand beim ersten Brunnenfest 1981 im Mittelpunkt.

1984 kam ein zweiter, deutlich höherer Säulenbrunnen hinzu. Er wurde 2017 im Zuge der Rathaussanierung abgebaut und eingelagert. Die damalige HNA-Sonderseite zeigt noch beide Brunnen nebeneinander.

Dieser zweite Brunnen wird nicht zurückkehren. Bürgermeister Ludewig erklärte am Rande der Ideenwerkstatt, dass Pumpen, Leitungen beziehungsweise Teile der technischen Anlage durch Frost beschädigt seien und ein Wiederaufbau nicht vorgesehen sei.

Damit richtet sich der Blick bei der weiteren Planung vor allem auf den noch vorhandenen historischen Brunnen und die Frage, welche Rolle Wasser künftig auf dem Rathausplatz spielen soll.

Nicht alle Wünsche lassen sich gleichzeitig erfüllen

Am Ende des Abends wurden deshalb auch ausdrücklich Zielkonflikte festgehalten.

Der Platz soll einerseits klimaangepasster und angenehmer werden, andererseits muss genügend frei nutzbare Fläche für Wochenmarkt und Veranstaltungen erhalten bleiben.

Mehr Aufenthaltsqualität trifft auf den Wunsch nach Ruhe; Veranstaltungen erzeugen dagegen zwangsläufig Leben und Geräusche. Fußgänger, Radfahrer, Lieferverkehr und notwendige Zufahrten müssen miteinander vereinbart werden. Auch über die Zahl und Lage von Parkmöglichkeiten bestehen unterschiedliche Vorstellungen.

Hinzu kommt eine praktische Grenze der Planung: Nicht alle angrenzenden Flächen und Grundstücke gehören der Stadt Vellmar. Wo private Bereiche betroffen sind, kann die Stadt Veränderungen nicht allein beschließen. Eigentümer und gegebenenfalls weitere Nutzungsberechtigte müssen in entsprechende Lösungen einbezogen werden.

Zum Abschluss wurden Zielkonflikte und erkennbare Gemeinsamkeiten der verschiedenen Wünsche gegenübergestellt. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.

Auch Kinder und Jugendliche wurden beteiligt

Bereits vor der öffentlichen Ideenwerkstatt waren Kinder und Jugendliche in die Überlegungen zum Rathausplatz einbezogen worden. Bei einer eigenen Vormittagsveranstaltung brachten 21 Jugendliche aus allen Jahrgängen der Ahnatal Schule Vellmar (ASV) ihre Vorstellungen und die ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler ein. Für die Teilnahme waren sie von der Schule freigestellt worden.

Die Veranstaltung wurde mit Unterstützung des KiJuB und der ProjektStadt umgesetzt. Nach Angaben aus der Jugendbeteiligung sollen deren Ergebnisse gemeinsam mit denen der Bürgerbeteiligung durch die Stadt Vellmar veröffentlicht und in den weiteren Planungsprozess einbezogen werden.

Bei der Ideenwerkstatt am 27. August wurde darüber hinaus angeregt, auch jüngere Kinder einzubeziehen. Eine Mutter wies darauf hin, dass insbesondere Kita- und Grundschulkinder selbst gefragt werden sollten, wenn Spiel- und Aufenthaltsangebote für ihre Altersgruppe geplant werden.

Bürgermeister Ludewig sagte zu, diese Anregung noch einmal aufzugreifen.

Wie geht es weiter?

Mit der Ideenwerkstatt ist der Beteiligungsprozess nicht beendet.

Zunächst sollen die Beiträge des Abends ausgewertet und in einer Ergebnisdokumentation zusammengeführt werden. Anschließend sollen sie in die Auslobung eines Realisierungswettbewerbs einfließen.

Der derzeit vorgesehene Ablauf sieht die Bürgerbeteiligung im Jahr 2026 und den Wettbewerb im Jahr 2027 vor. Über die einzelnen Prozessphasen will die Stadt auf ihrer Homepage und im Vellmarer Blättchen informieren.

Der grob genannte Zeitraum für eine spätere bauliche Umsetzung reicht derzeit von 2028 bis 2031. Wann tatsächlich gebaut werden kann, wird allerdings auch von Planung, Wettbewerb, Finanzierung und Fördermitteln abhängen.

Der bei der Ideenwerkstatt gezeigte Ausblick: Auswertung und Ergebnisdokumentation sollen in die Wettbewerbsauslobung einfließen. © Foto: Merlin Franke. Zum Vergrößern anklicken.

Einordnung: Welche Rolle soll der Rathausplatz künftig haben?

Eine der interessantesten Fragen des Abends steckt weniger in einem einzelnen Gestaltungsvorschlag als in der grundsätzlichen Funktion des Platzes.

Mehrfach wurden Ruhe, Entspannung und Aufenthaltsmöglichkeiten gewünscht. Gleichzeitig soll der Rathausplatz Wochenmarkt, Einkauf, Dienstleistungen, Gastronomie, Veranstaltungen und Begegnung ermöglichen.

Mit dem unmittelbar angrenzenden Ahnepark verfügt Vellmar bereits über einen großen öffentlichen Raum, dessen wesentliche Funktion Freizeit und Erholung ist – mit Grünflächen, Spazierwegen sowie Bereichen für Sport und Spiel.

Für den Rathausplatz könnte deshalb eine andere Balance sinnvoll sein: nicht Ruhe statt Belebung, sondern angenehmer Aufenthalt innerhalb eines lebendigen Stadtzentrums.

Ein schattiger Platz, an dem jemand eine Viertelstunde sitzen, lesen oder sich unterhalten kann, widerspricht einem Markt- und Einkaufsplatz nicht. Kleine Spielangebote für Kinder ebenfalls nicht. Ein überwiegend stiller Erholungsraum wäre dagegen nur schwer mit Wochenmarkt, Veranstaltungen, Handel und Gastronomie vereinbar.

Bemerkenswert ist, dass diese Frage nicht neu ist. Schon das Gutachten von 1992 sprach vom Rathausplatz als Treffpunkt, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen und aus einem bloßen Einkauf ein „Erlebniseinkauf“ werden könne.

Vielleicht liegt genau darin die zentrale Aufgabe des nun beginnenden Planungsprozesses: aus dem Rathausplatz keinen völlig anderen Ort zu machen, sondern wieder einen funktionierenden Mittelpunkt der Stadt – mit seiner Geschichte, aber angepasst an die Anforderungen der kommenden Jahrzehnte.

Hinweis: Der Artikel basiert auf eigener Archivrecherche und Quellenprüfung. KI-Werkzeuge unterstützten bei der Auswertung umfangreicher Dokumente und bei der redaktionellen Ausarbeitung. Auswahl, Einordnung und redaktionelle Verantwortung liegen beim Autor.